HIERONYMUS
Damals

Historische Bezüge

Das Rad dreht sich: Muster, die sich wiederholen

Boschs Welt um 1500

Bosch lebte in einer Zeit großer Umbrüche. Viele Menschen erwarteten um das Jahr 1500 das nahe Weltende; Seuchen, Kriege und religiöse Unruhe prägten den Alltag.

Gleichzeitig veränderte sich die Welt rasant: Der Buchdruck verbreitete Flugblätter und Schriften in nie gekannter Geschwindigkeit, auch Hetzschriften und Verschwörungserzählungen. Europäische Seefahrer erreichten Amerika. Kurz nach Boschs Tod begann mit Luthers Thesen die Reformation, die Europa für mehr als ein Jahrhundert spalten sollte.

Boschs Höllenbilder sind auch eine Antwort auf diese Verunsicherung. Wer Angst hat, sucht Schuldige, und wer neue Medien beherrscht, kann diese Angst lenken. Hier liegt eine erste Brücke in unsere Gegenwart.

  1. um 1450Geburt von Jheronimus van Aken in ’s-Hertogenbosch; der Buchdruck mit beweglichen Lettern verbreitet sich.
  2. 1453Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen.
  3. 1486/87Der „Hexenhammer“ erscheint, ein Handbuch, das die Hexenverfolgung über Jahrhunderte befeuert.
  4. 1492Kolumbus erreicht Amerika; im selben Jahr werden die Juden aus Spanien vertrieben.
  5. um 1500Verbreitete Endzeiterwartung; Bosch malt seine großen Triptychen.
  6. 1516Bosch wird in ’s-Hertogenbosch begraben.
  7. 1517Luthers Thesen: Beginn der Reformation.
  8. 1519–1532Spanische Eroberung der Reiche der Azteken und Inka.
Muster der Geschichte

Was die Songs sichtbar machen

Die Songs nennen keine Daten und keine Namen. Sie beschreiben Muster: wie Verführung funktioniert, wie aus Worten Gewalt wird, wie Demokratien fallen. Diese Muster lassen sich in vielen Epochen wiederfinden.

MusterSongHistorische Beispiele
Einfache Versprechen statt unbequemer WahrheitDie süße LügePropaganda-Versprechen von „Größe“ und „Reinheit“ in Diktaturen des 20. Jahrhunderts
Vom Flüstern zur MassengewaltIm Chor des WahnsinnsHexenverfolgung, Pogrome, NS-Massenkundgebungen
Abschaffung der Demokratie mit ihren eigenen MittelnDer Tempel fälltErmächtigungsgesetz 1933
Sündenbock, Überlegenheit, BedrohungserzählungDas Rad dreht sichKriegspropaganda im 20. Jahrhundert, Völkermord in Ruanda 1994
Gier, Ausbeutung, WegsehenRequiem der StummenConquista, Sklavenhandel, Raubbau an der Natur
Widerstand und MutDas Licht in mir, OutroWeiße Rose, Edelweißpiraten, Menschen, die Verfolgte versteckten

Die Szenen im Outro

Das Video zum Outro zeigt nacheinander historische Szenen. Jede steht für ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte:

  • Christenverfolgung und Kreuzzüge: Gewalt im Namen des Glaubens, gegen und durch Christen.
  • Hexenverfolgung: Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurden in Europa Zehntausende Menschen hingerichtet, die meisten von ihnen Frauen. Nachbarn denunzierten Nachbarn.
  • Dreißigjähriger Krieg (1618–1648): In manchen Regionen Deutschlands starb ein Drittel der Bevölkerung oder mehr.
  • Sklavenhandel: Über den Atlantik wurden mehr als zwölf Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner verschleppt.
  • Conquista: Die Eroberung der Reiche der Azteken und Inka zerstörte Hochkulturen; Gewalt und eingeschleppte Krankheiten töteten Millionen.
  • Holocaust: Der nationalsozialistische Völkermord an rund sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden.
  • Krieg heute: Angriffe auf Krankenhäuser und Zivilisten in gegenwärtigen Kriegen.

Täter, Mitläufer, Widerstand

In jeder dieser Szenen gab es Täter, Opfer, Menschen, die aus Angst mitmachten oder wegsahen, und Menschen, die Widerstand leisteten. Das Album fragt vor allem nach der großen Mehrheit dazwischen: „Warum waren wir so stumm und so leise?“

Das Outro antwortet nicht mit Verurteilung, sondern mit Nachsicht und Ehre: Venia tacentibus, honor resistentibus. Nachsicht für die, die aus Furcht schweigen. Ehre für die, die Nein sagen.

Beispiele für dieses Nein: Die Münchner Studierenden der „Weißen Rose“ verteilten 1942/43 Flugblätter gegen das NS-Regime; Hans und Sophie Scholl wurden im Februar 1943 hingerichtet. Jugendliche Edelweißpiraten im Rheinland verweigerten sich der Hitlerjugend; Mitglieder einer Ehrenfelder Gruppe wurden 1944 in Köln öffentlich gehängt.

Ruanda 1994

Innerhalb von rund hundert Tagen wurden Hunderttausende Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet. Der Radiosender RTLM hatte zuvor monatelang gehetzt und Tutsi als „Kakerlaken“ bezeichnet, ein Beispiel dafür, wie Worte Gewalt vorbereiten.