Das Rad dreht sich
Krieg · Krieg, Schuld und Wiederholung
Der Song ist ab dem 30. Oktober 2026 hier zu hören.
Szenen aus dem Musikvideo (KI-generiert)
Alles verloren
Alles weg
So viel Leid
Wie konnte so etwas geschehen
Warum waren wir so stumm und so leise?
Es hieß immer
Die anderen sind schuld
Wir sind was Besseres
Die haben uns bedroht
Aber
Egal ob die da drüben oder wir
Der Teufel hat uns was geflüstert
Wie konnte so etwas geschehen
Warum waren wir so stumm und so leise?
Ob damals vor langer Zeit
Ob vor hundert oder bald in zehn Jahren
Das Rad dreht sich
Alles kommt wieder
Alles kommt wieder
Wie konnte so etwas geschehen
Warum waren wir so stumm und so leise?
Alles verloren
Alles weg
So viel Leid
Interpretation
Der Song spricht aus der Sicht der Überlebenden nach der Katastrophe: „Alles verloren, alles weg, so viel Leid.“ Das „Wir“ meint weder Täter noch Opfer, sondern die Mehrheit, die geschwiegen hat. Die Frage „Warum waren wir so stumm und so leise?“ kehrt immer wieder.
In wenigen Zeilen legt der Song die Muster der Kriegspropaganda offen: den Sündenbock („Die anderen sind schuld“), die eigene Überlegenheit („Wir sind was Besseres“) und die Bedrohungserzählung („Die haben uns bedroht“). Die Wendung „Egal ob die da drüben oder wir“ zeigt, dass diese Muster auf allen Seiten funktionieren. „Der Teufel hat uns was geflüstert“ greift den „Hauch aus der Dunkelheit“ aus „Im Chor des Wahnsinns“ auf: Das Flüstern vom Anfang ist zur Katastrophe geworden.
Der Mittelteil öffnet die Zeit: „Ob damals vor langer Zeit / Ob vor hundert oder bald in zehn Jahren / Das Rad dreht sich.“ Der Song warnt, dass sich Geschichte wiederholt, wenn die Muster nicht erkannt werden. Musikalisch wechseln sich eine Frauenstimme (Klage und Fragen) und eine Männerstimme (Propaganda und Zeitbogen) ab; tiefe Streicher steigern die Dramatik.
Bosch-Bezug
Auf der „Tischplatte mit den sieben Todsünden und den vier letzten Dingen“ sind die Todsünden in einem Kreis angeordnet, wie auf einem Rad, in dessen Mitte das Auge Gottes steht. Darunter steht die Warnung Cave, cave, Deus videt (Hüte dich, hüte dich, Gott sieht). Die menschlichen Verfehlungen drehen sich im Kreis und wiederholen sich, wie im Song.
Bild folgt: Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge(assets/img/bosch/tischplatte.jpg)
Die Todsünden im Kreis um das Auge Gottes: „Cave, cave, Deus videt“.
Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei
Geschichte und Gegenwart
Die drei Propaganda-Muster lassen sich in nahezu jedem Krieg nachweisen, etwa in der NS-Propaganda vor dem Zweiten Weltkrieg oder beim Völkermord in Ruanda 1994, wo der Radiosender RTLM monatelang Hass gegen die Tutsi verbreitete und sie als „Kakerlaken“ bezeichnete. Sie finden sich auch in der Rechtfertigung heutiger Kriege.
Das Video
Alles verloren. Alles weg. So viel Leid.
„Das Rad dreht sich“ beginnt dort, wo alles schon geschehen ist: nach dem Krieg, in den Trümmern. Zurück bleibt eine Frage, die sich nach jeder Katastrophe stellt: Wie konnte so etwas geschehen? Warum waren wir so stumm und so leise?
Die Antwort kennt man aus jeder Epoche: Die anderen sind schuld. Wir sind etwas Besseres. Die haben uns bedroht. Erst spät kommt die Erkenntnis, dass es keine Rolle spielt, ob „die da drüben“ oder „wir“ – dieselben Parolen haben allen etwas eingeflüstert.
Ob vor langer Zeit, vor hundert Jahren oder bald in zehn: Das Rad dreht sich, und alles kommt wieder, wenn wir schweigen. Der Song ist eine Klage und zugleich eine Warnung.
Im Album steht der Song für Bellum, den Krieg.
Im Video kreisen zwei Silhouetten in einem roten Strudel. Sie weichen aus, ducken sich, halten einander fest. Aus dem Wirbel tauchen immer wieder schemenhafte Wesen aus der Bildwelt des Hieronymus Bosch auf, als hätte das Flüstern eine Gestalt bekommen.
Fragen zum Weiterdenken
- Findet die drei Propaganda-Muster des Songs in historischen und aktuellen Beispielen.
- Warum schweigt eine Mehrheit, obwohl sie keinen Krieg will?
- Stimmt es, dass „alles wiederkommt“? Was kann den Kreislauf durchbrechen?